Frage      Die Bibel und Abtreibung
Die Bibel sagt nichts Verlässliches zum Thema Abtreibung. Allein diese Tatsache ist ein unentschuldbarer Makel für ein Buch, das gern der moralische Massstab unserer Gesellschaft sein möchte und als gottgegebene Weisheitensammlung gerühmt wird.

Dass sie nichts über einen Schwan- gerschaftsabbruch zu sagen hat, heißt nicht, dass Abtreibung zu jener Zeit nicht praktiziert wurde. Aus Gesetzesbüchern der Hebräer, Assyrer, Sumerer und vor allem der Römer wissen wir, dass auch damals ungeborenes Leben im Mutterleib abgetötet wurde. Bei den meisten Völkern war die Abtreibung aber hauptsächlich ein Vergehen gegen den Vater des Fötus, den "Besitzer" sozusagen.

Wir können also davon ausgehen, dass die Abtreibung zu biblischer Zeit angewendet und allgemein geduldet wurde und dass der Bibel das Thema wohl aus diesem Grund keiner Erwähnung wert war. Trotzdem wollen Abtreibungsgegner immer wieder Bibelgebote kennen, wenn sie gegen die Fristenlösung wettern.

Ihr Hauptargument ist in der Regel das sechste Gebot: "Du sollst nicht töten". Diesem - eigentlich unmiss- verständlichem Gebot - stehen aber eine große Zahl von biblischen Auforderungen zum Töten gegenüber (siehe Link "Der Gott der Bibel befiehlt zu töten" und "Gottes Todesurteile"), sodass wir annehmen müssen, die Bibelschreiber hätten dieses Gebot nicht allzu wörtlich gemeint (4. Mose 15,35): "Der Herr aber sprach zu Mose: Der Mann soll des Todes sterben."

Selbst für relativ harmlose Vergehen schreibt Gott trotz des sechsten Gebotes immer wieder die Todesstrafe vor (3. Mose 24,16): "Wer des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben."

Gott beteiligte sich sogar höchst persönlich am Töten (siehe Link "Gott mordete oft und gern") oder forderte andere dazu auf, ganze Völker auszurotten, Frauen und Kinder eingeschlossen (1. Sam 15,3): "So zieh nun hin und schlag Amalek. () Verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel."

Nicht nur, dass Abtreibung in der Bibel nicht verboten wird, vorge- burtliches Leben wird dem lebenden Menschen nicht einmal gleichgestellt (2. Mose 21,22): "Wenn Männer miteinander streiten und stoßen dabei eine schwangere Frau, so dass ihr die Frucht abgeht, () so soll man ihn um Geld strafen."

Das ungeborene Leben wird also als materieller Schaden mit Geld vergütet. Erst der Tod der schwangeren Frau wäre mit dem Tod bestraft worden. (Vergessen wir nicht, dass in der Bibel nur ganz wenige, meist unbedeutende Vergehen allein mit Geld vergolten werden konnten. Die meisten werden mit Steinigen oder Töten verurteilt.)

Für die Bibel beginnt zudem das Menschsein erst mit der Atmung (1. Mose 2,7): "Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen." (Siehe auch Hes 37,10; Joh 6,63 und andere.)

Aus diesem Grund feiern wir ja auch den Tag, als Maria Jesus zur Welt brachte und nicht den Tag, als sie den Samen des Heiligen Geistes empfing.

Mehr als eine Bibelstelle besagt zudem, dass es oft besser sein kann, nicht geboren zu werden, als ein freudloses Leben führen zu müssen (Pred 4,3): "Und besser daran als beide ist, wer noch nicht geboren ist und des Bösen nicht inne wird, das unter der Sonne geschieht."

Ein weiteres Beispiel (Pred 6,3): "Wenn einer auch hundert Kinder zeugte und hätte ein so langes Leben, dass er sehr alt würde, aber er genösse das Gute nicht und bliebe ohne Grab, von dem sage ich: Eine Fehlgeburt hat es besser als er."

Noch ein Vers zu diesem Thema (Hiob 10,19): "Warum hast du mich aus meiner Mutter Leib kommen lassen? Ach dass ich umge- kommen wäre und mich nie ein Auge gesehen hätte! So wäre ich wie die, die nie gewesen sind, vom Mutterleib weg zum Grabe gebracht."

Auch im Neuen Testament ändern sich die Ansichten zum Schwanger- schaftsabbruch nicht. Mit keinem Wort äusserte sich Jesus zu diesem Thema. So, als wäre es ihm nicht wichtig oder er hielte es für zu selbstverständlich.

Dafür strafte Jesus jene Menschen, die andere, die schwerer zu tragen haben, verurteilten (Lk 11,46): "Denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten, und ihr selbst rührt sie nicht mit einem Finger an." Gerade diese Gebot sollte Abtreibungsgegner davon abhalten, schwangere Frauen in ihrem Entschluss zu bedrängen.

Die Bibel will sich in dieser Sache also nicht festlegen und vertraut auf die eigene Entscheidungsfreiheit des Menschen (1. Mose 3,22): "Der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist."

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©Johannes Maria Lehner
 
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